"Die Wut von der Seele reden"


Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch Kranken - Erfahrungstausch und Tipps helfen den Betroffenen / Die Tabuzone verlassen und mögliche Hilfen aufzeigen

Tauberbischofsheim. Angehörige von psychisch Erkrankten sollen sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen und anzunehmen, appelliert Gabriele Kemmer, die seit zwei Jahren eine Selbsthilfegruppe in der Kreisstadt leitet.

"Sie dürfen ihre Wut von der Seele reden. Sie dürfen weinen und die negativen Gefühle gegenüber der Situation und ihren erkrankten Familienmitgliedern loswerden und bekommen dafür die ,Legitimation' von anderen Betroffenen." Das macht für Gabriele Kemmer den hohen Wert und die Bedeutung der Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker aus, die sie ehrenamtlich leitet. Jeden zweiten Montag im Monat trifft sich die Gruppe von 17 bis 19 Uhr in Tauberbischofsheim in den Räumen der Diakonie im Kirchweg.

Mittlerweile hat sich ein Stamm von sechs Personen herauskristallisiert. Doch gibt es auch immer einen Wechsel, und neue Betroffene sind gerne willkommen, wie Gabriele Kemmer, gelernte Heilpraktikerin für Psychotherapie in Tauberbischofsheim, im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt.

Die Beeinträchtigungen, mit denen die Partner, Eltern, Kinder, aber auch Geschwister zu kämpfen und umzugehen haben, ist für Außenstehende kaum zu ahnen. "Die Scham der Angehörigen ist oft groß. Meist reagiert die Umgebung auch nicht förderlich", schildert Gabriele Kemmer, die früher in der Psychiatrie im Krankenhaus in Tauberbischofsheim gearbeitet hat und sich dann sechs Jahre zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ausbilden ließ.

An der Theke im Supermarkt wird getuschelt, Nachbarn wechseln plötzlich die Straße, wenn man ihnen begegnet. Denn wer kann nachfühlen, was es bedeutet, wenn der psychisch kranke Vater wieder einmal unter Polizeiaufgebot in den Krankenwagen begleitet wird? Wer hat eine Ahnung von der Angst der Eltern, wenn der Sohn oder die Tochter randaliert, weil sie "von Dämonen" heimgesucht werden?

"Die Krankheit des anderen trifft auch immer die Angehörigen", unterstreicht Kemmer. Psychische Erkrankungen seien immer noch tabuisiert und besitzen einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft als körperliche Erkrankungen. Dies sei oft ein Grund, dass sich viele immer mehr zurückziehen, weil sie denken, die anderen zeigen mit dem Finger auf einen. "Die Angehörigen kapseln sich immer mehr ab, bei vielen beginnt der soziale Rückzug."

Die Scham überwinden

Gerade hier will Gabriele Kemmer helfen. Eindringlich appelliert sie, dass die Menschen sich trauen und die Scham überwinden sollen, Hilfe zu suchen und anzunehmen. "Keiner muss das allein durchstehen", betont die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Und diese Erfahrung wird den Angehörigen auch in der Gruppe unmittelbar zuteil. Hier dürfen sie sich ihre Gefühle von der Seele reden.

"Sie erfahren, es sind endlich Menschen da, die wissen, wovon ich spreche, weil sie Ähnliches mitgemacht haben", unterstreicht Kemmer auch die Bedeutung dieser wie anderer Selbsthilfegruppen.

Anfangs sind die Ratsuchenden total verzweifelt, es wird viel geweint, aber ebenso viel geredet. Doch in der Geborgenheit der Gruppe, in der jeder absolutes Verständnis hat, fängt man sich gegenseitig auf, und so wird auch viel gelacht.

"Der erste Schritt ist, die Tabuzone zu verlassen und den Angehörigen Informationen über mögliche Hilfen aufzuzeigen", verweist Kemmer beispielsweise auf den sozialpsychiatrischen Dienst, der wiederum Kontakte zu möglichen Betreuern oder Beratungsstellen vermitteln kann.

Gabriele Kemmer erklärt den Gruppenmitgliedern aber auch, was die Krankheit ausmacht, was charakteristisch ist oder welche Wirkungen und Nebenwirkungen bestimmte Medikamente haben können.

Wichtig sei ebenso, dass die Angehörigen ihre eigenen Bedürfnisse thematisieren und diese auch entsprechend umsetzen, um Entlastungsmöglichkeiten und Ausgleich zu finden. Ebenso werde die eigene psychische Gesundheit angesprochen, denn manche Angehörigen suchen selbst therapeutische Hilfe auf.

"Wir erarbeiten zudem gemeinsam Möglichkeiten, wie man mit den psychisch kranken Angehörigen kommunziert", erläutert Kemmer. Es geht um Fragen wie: "Wie führe ich das Gespräch? Wie kann ich ihn noch erreichen? Wie kann ich lernen, nicht immer gleich selbst wütend zu werden? Wie kann ich mit einem immer aggressiver werdenden Angehörigen umgehen?"

Gerade Eltern von psychisch schwer erkrankten Kindern müssten lernen, wie sie loslassen und Verantwortung abgeben können, um nicht komplett vereinnahmt zu werden. Vielfach herrschten große Schuldgefühle, die man reduzieren und abbauen müsse. "Für die Angehörigen ist es in der Selbsthilfegruppe einfach auch wohltuend, selbst mal Dampf ablassen zu können, über die eigene Wut zu sprechen, nicht immer der Starke sein zu müssen. Hier in der Gruppe gibt jeder gerne seine eigenen Erfahrungen weiter, die anderen helfen. Und aus diesem Vertrauen heraus, das die Mitglieder der Gruppe untereinander entwickeln und aufbauen, wird neuer Lebensmut und Kraft geschöpft, den Alltag zu bewältigen", betont Gabriele Kemmer.

- © Fränkische Nachrichten, Samstag, 06.05.2017


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Gabriele Kemmer

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